Supergreen

Was uns bewegt

Christoph Ingenhovens Arbeit am Raumschiff Erde: Vortrag mit Diskussion in dem von Carpet Concept mit initiiertem KAP Forum Köln.

 

Ein Flug mit der ISS über unseren blauen Planeten: „We are all astronauts“ zitiert Christoph Ingenhoven den amerikanischen Architekten und Visionär Buckminster Fuller zu Beginn seines Vortrags im KAP Forum Köln, das mit rund 250 Besuchern im Museum für Angewandte Kunst in Köln ausgebucht war.

Christoph Ingenhoven zählt nicht nur zu den Überfliegern der deutschen Architekturszene, sondern auch zu ihren Vordenkern. Ihm gelingt, was Fuller früh bewegte: die Arbeit auf dem Raumschiff Erde möglichst umfassend zu denken. „Wir versuchen, so wenig zu tun wie möglich“, beschreibt er bei Darstellung seiner Bauten zwischen Singapur und Stuttgart 21. Eine Reise über Kontinente, die Ingenhoven auch politisch begreift: „Das Ziel bei unseren Häusern ist, dass man nichts mehr wegnehmen kann, dass alles Sinn macht und Sinn ergibt.“ Supergreen ist für ihn mehr als nur ein Begriff, „Supergreen umfasst, was uns antreibt.“

 

 „Die ersten 20 Jahre hat uns niemand nach einem grünen Gebäude gefragt“, sagt Christoph Ingenhoven. Inzwischen sei das Thema auch bei den Endverbrauchern angekommen. Diese entschieden über die Zukunft: Flächenfraß, Energieverschwendung, Nahrungsmittelknappheit – zu all diesen Themen hat Ingenhoven eine Statistik oder einen klugen Vergleich. Beispiel: Rund 18 Prozent der Weltbevölkerung lebten in Großstädten, doch diese stünden für 66 Prozent der Weltwirtschaftsleistung. Eine Zahl, mit der er deutlich macht, das Architektur einen Auftrag übernimmt, der über das Private hinausgeht – sie ist öffentlich und besitzt Verantwortung. Ingenhoven übernimmt diese Verantwortung, zum Beispiel mit seiner mehrfach ausgezeichneten „Marina One“ in Singapur. Ein Ensemble aus Wohn- und Bürotürmen für über 20.000 Menschen, das bewusst nicht in Spiegelglas errichtet wurde, da Städte perse schon sechs bis acht Grad wärmer seien als die Umgebung und nicht künstlich weiter aufgeheizt werden müssten. Die Marina One ist deshalb in Brauntönen gehalten und von Grün überwuchert. Ein Hochhauskomplex, der mit seinem Konzept der Stadt ein Vielfaches des gesetzlich geforderten Minimums zurückgibt: Atmosphäre, Aufenthaltsqualitäten, ein Stück Grünraum, Öffentlichkeit und zugleich zeigt, wie zukünftiges Bauen in subtropischen Megacities funktionieren kann.

 

Energieeffizienz als politisches und ökologisches Programm – das wird von Ingenhoven in Architektur übersetzt. „Häuser können immer einen Beitrag leisten“, lautet seine Überzeugung. Demnächst wird er auch in Düsseldorf ein solch begrüntes Gebäude mitten in der Stadt entstehen lassen, mit weinbergartig angepflanzten Buchenhecken, die schon jetzt für ihren Einsatz wachsen dürfen.

Die Abschlussfrage: „Kann man ein Gebäude essen, obwohl man es schon gegessen hat?“ Das Sprachbild spielt auf das „cradle to cradle“-System an. Ein Gebäude so zu errichten, dass seine Teile wieder der baulichen „Nahrungskette“ zugefügt werden können. Bei Ingenhoven ist auch dieser Gedanke mit einem „mehr“ verknüpft. Der Herausforderung nicht nur aus den Teilen, sondern aus dem kompletten Ganzen ein Neues zu generieren. Ein Vorhaben, das deutlich macht: wenige Architekten lassen sich so allumfassend auf das Thema energieeffizientes Bauen ein wie der Hollein-Schüler Christoph Ingenhoven.